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Thema: Gesten als Körpertechnik im Entwurfsprozess

Tagung: Manifestationen im Entwurf, Aachen 2014
Tagungsbeitrag: Körpererfahrungen im Entwurf

These
Die körperliche, gestische Beschreibung von architektonischen Räumen und Vorstellungen gepaart mit einer choreografischen Arbeit erlaubt dem Entwerfer einen unmittelbaren, persönlichen und emotionalen Zugang zu der gestellten Aufgabe. Mit Hilfe des körperlichen Ausdrucks und Improvisationen kann es gelingen, entwurfliche Absichten und innere Vorstellungen zu artikulieren und spontan weiter zu denken sowie sich selbst ihrer Gültigkeit zu versichern. Die in diesem Prozess gemachten Erfahrungen bilden die Grundlage für einen emotional-räumlichen Leitfaden für weitere Entscheidungen (Zielvorstellungen).

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Es findet die Analyse einer städtebaulichen Situation zu Beginn des Entwurfsprozesses statt, mit dem Resultat einer Deutung und Formulierung von Zielvorstellungen für den Entwurf.
Nach der Ortsbegehung hatte sich ein erster Eindruck gebildet. Aus der Erinnerung wird dieser Eindruck rekapituliert indem die Situation mit den Händen beschrieben wird. Dabei liegt der Schwerpunkt auf einem intuitiv-experimentellen Annähern und Spüren der eigenen Bewegungen an die Empfindung für den Ort. In diesem Prozess bilden sich Gesten heraus, die als charakteristisch für die jeweilige Nachbarbebauung in ihrer architektonischen Wirkung empfunden werden.
Zum damaligen Entwurfsstand stellte diese Interpretation der Gegebenheiten und das Ziel der Vermittlung eine hilfreiche Arbeitshypothese dar.

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In einem zweiten Fall dient das Mittel der körperlichen Einfühlung dem vorweggenommen Erleben und präzisieren einer räumlich-atmosphärisch gestalteten Raumfolge. Dabei auftretende spontane innere Bilder oder Widersprüche finden Verwendung bei der weiteren Ausarbeitung der Entwurfsidee. Der Zeitpunkt der Aufnahmen ist nach den ersten entwerferischen Zeichnungen und Plänen entstanden. Sie sind das Resultat eines Probenprozesses, der den gewünschten Ablauf innerhalb des Gebäudes nachvollzieht und auf den Punkt bringt. In dieser Form der imaginären Begehung wird die Wirkung der einzelnen Stationen herausgestellt. Durch das körperliche Beschreiben, das sich an den tatsächlich vorgestellten Räumen orientiert, empfindet man vorweggenommen am eigenen Leib deren Wirkungen. Beispielsweise werden das strikte Durchqueren eines Raumes, das hohe Öffnen eines lichten Saales und der darauf folgende Abstieg in dunkle, unterirdische Gefilde vollzogen.

Gleichzeitig ließ sich aber auch die Erfahrung machen, dass sich manche Vorstellungen, die einem nicht zusagten, immer wieder auftauchten. Um dennoch weiter zu kommen, war ein Medienwechsel, bspw. zum Modellbau, hilfreich.

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Es wird gezeigt, wie sich durch das körperliche Vollziehen eines Entwurfstandes dieser spontan weiterentwickelt und die eigene Vorstellung dessen, was man eigentliche erreichen möchte weitergebracht wird. Prämisse aus dem Betreuerfeedback war die Untersuchung von Massivität. Der gegebene Entwurfsstand wird wie gehabt mit Hilfe körperlicher Bewegungen als von der Umgebung geformt charakterisiert. Es folgt ein verstärktes körperliches Empfinden, wie sich dies anfühlt. Es ist „mit Muskelanspannung verbunden”, besitzt statischen Charakter, und es müssen „einzelne präzise Setzungen” sein, „die Raum definieren”. Aus dem sich entwickelnden Gefühl für den Ausdruck werden des weiteren Quader, Großflächigkeit und fein geschnittene Volumen beschrieben. Dadurch hat sich die Formvorstellung des Entwurfs radikal geändert.
In einem zweiten Schritt wird sich den zunächst abstrakten Begriffen wie Schwere oder Massivität angenähert, um sich ausdrucksvolle Leitvorstellungen für die weitere entwerferische Arbeit anzueignen. Ein besonderer Moment besteht darin, dass in der letzten Sequenz der steinerne Quader, vor dem der Akteur sich zu befinden vorstellt, von ihm als leiblich sehr präsent gespürt wird. Mit den Händen kann man fast fühlbar an ihm entlangstreifen. Die sinnlich-leiblichen Qualitäten des Objektes in der späteren realen Wahrnehmung werden vorweggenommen gespürt.

Alle drei Arbeiten repräsentieren eine Gesamtheit der im Prozess ihrer Entstehung gewonnenen Erkenntnisse, die zu einem bestimmten Zeitpunkt des Entwurfsprozesses hilfreiche Fortschritte darstellten.